Schon gelesen?! "The Leadership Challenge" Führung ist kein Talent. Sie ist beobachtbares Verhalten.

Carsten Held • 15. Januar 2026

basiert auf dem internationalen Leadership-Bestseller »The Leadership Challenge« 
von James M. Kouzes und Barry Z. Posner.



Einleitung: Führung in Zeiten permanenter Transformation

Führungskräfte stehen heute unter einem nie dagewesenen Druck. Digitalisierung, geopolitische Spannungen, hybride Arbeitsmodelle und steigende Erwartungen von Mitarbeitenden verändern Organisationen grundlegend. Klassische Führungsmodelle und vor allem deren Steuerungsmodelle, die auf Kontrolle, Stabilität und Hierarchie basieren, stoßen zunehmend an ihre Grenzen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine zentrale Frage an Bedeutung: Was macht wirksame Führung wirklich aus? Nicht theoretisch, sondern praktisch – beobachtbar im Alltag, messbar in Ergebnissen und spürbar in der Kultur.

Eine der fundiertesten Antworten auf diese Frage liefert seit über vierzig Jahren das Buch »The Leadership Challenge«. Es gilt als eines der meistzitierten, einflussreichsten und empirisch bestuntersuchten Werke der modernen Führungsforschung und wird weltweit in Executive-Programmen, MBA-Ausbildungen und Top-Management-Trainings eingesetzt. Seine zentrale Botschaft ist klar und zugleich anspruchsvoll: Führung ist keine Frage von Persönlichkeit oder Position, sondern von beobachtbarem Verhalten.

Dabei ist „The Leadership Challenge“ weder eine klassische Theorie noch nur ein loses Modell. Es ist ein evidenzbasiertes, verhaltensorientiertes Führungsframework, welches immer wieder weiterentwickelt bzw. mit zusätzlichen Daten bestätigt wurde. Die Einordnung ist wichtig, weil sie erklärt, warum das Werk in Praxis und Wissenschaft gleichermaßen Bestand hat.


Evidenzbasierte Führung statt Bauchgefühl

Die Stärke von »The Leadership Challenge« liegt in seiner empirischen Tiefe. Kouzes und Posner untersuchten über Jahrzehnte hinweg tausende Fallstudien und Millionen von Befragungen. Die Ergebnisse zeigen eine bemerkenswerte Stabilität – über Zeit, Kulturen, Branchen, Altersgruppen und Geschlechter hinweg.

Besonders konstant sind vier Eigenschaften, die Menschen weltweit an Führungskräften schätzen: Ehrlichkeit, Zukunftsorientierung, Inspirationsfähigkeit und Kompetenz. Diese Eigenschaften sind jedoch keine abstrakten Charakterzüge. Sie werden ausschließlich durch Verhalten sichtbar – oder eben nicht.


Glaubwürdigkeit als Fundament von Führung

Eine der zentralen Erkenntnisse von Kouzes und Posner lautet: Wenn Menschen dem Boten nicht glauben, werden sie auch der Botschaft nicht folgen. Glaubwürdigkeit ist damit die Grundlage jeder Führung.

Glaubwürdigkeit entsteht durch Konsistenz zwischen Werten, Worten und Handlungen. Das Prinzip »Do What You Say You Will Do« bringt diese Logik auf den Punkt. Gerade auf C-Level zeigt sich Führung weniger in Vision-Statements als vielmehr im täglichen Verhalten, in Prioritäten, Entscheidungen und im Umgang mit schwierigen Situationen. (Scherz am Rande: Davon könnten sich sicherlich auch manche Politiker eine Scheibe abschneiden!) Die Autoren analysierten über Jahrzehnte hinweg Tausende von Fallstudien, Interviews und empirischen Datensätzen aus Wirtschaft, Politik, Militär, Bildung und Non-Profit-Organisationen. Ihre Leitfrage lautete stets: Was tun Führungskräfte konkret, wenn sie außergewöhnliche Ergebnisse erzielen?

Das Ergebnis ist ein universeller Führungsrahmen, bestehend aus fünf Praktiken, die kultur-, branchen- und ebenenübergreifend gültig sind. 


 

Die fünf Praktiken exzellenter Führung

1. Den Weg weisen (Model the Way)

Glaubwürdigkeit bildet das Fundament jeder Führung. Führungskräfte müssen zunächst ihre eigenen Werte, Prinzipien und Überzeugungen klären. Erst dann können sie Orientierung geben.

Entscheidend ist dabei die Kongruenz zwischen Wort und Tat. Mitarbeitende beobachten genau, ob Entscheidungen, Prioritäten und Verhalten tatsächlich mit den propagierten Werten übereinstimmen.

Gerade auf Vorstandsebene und im Top-Management entfaltet diese Praxis enorme Wirkung: Strategien scheitern selten an Konzepten, sondern an mangelnder Vorbildfunktion. Führung beginnt immer bei der eigenen Person. Führungskräfte müssen ihre eigenen Werte kennen und eine Sprache dafür finden. Authentizität entsteht nicht durch das Kopieren anderer Stile, sondern durch das Finden der eigenen Stimme.

Geteilte Werte wirken wie ein innerer Kompass. Sie ermöglichen integres Handeln, geben Orientierung in schwierigen Situationen und schaffen Vertrauen. Entscheidend ist dabei das Vorleben: Wie Führungskräfte ihre Zeit einsetzen, ist der sichtbarste Ausdruck ihrer Werte.

 

2. Eine gemeinsame Vision inspirieren (Inspire a Shared Vision)

Exzellente Führungskräfte sind in der Lage, über den Status quo hinauszudenken und ein attraktives Bild der Zukunft zu entwerfen. Dabei geht es nicht um abstrakte Zielbilder, sondern um eine Vision, die Sinn stiftet und emotional anschlussfähig ist.

Kouzes und Posner betonen, dass Visionen nicht verordnet werden können. Wirksam werden sie erst dann, wenn sie gemeinsam entwickelt und von anderen mitgetragen werden.

In Transformationsprozessen entscheidet diese Fähigkeit oft über Erfolg oder Scheitern. Ohne geteilte Vision wird Veränderung zu einem reinen Effizienzprojekt – mit entsprechend begrenzter Wirkung.


3. Den Prozess hinterfragen (Challenge the Process)

Innovation entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Experimentieren. Wirksame Führungskräfte hinterfragen bestehende Routinen, Strukturen und Annahmen und schaffen Räume für Lernen und Weiterentwicklung.

Dabei ist Risikobereitschaft ein zentraler Faktor. Kouzes und Posner zeigen deutlich: Führung bedeutet nicht, Fehler zu vermeiden, sondern bewusst kalkulierte Risiken einzugehen und aus Rückschlägen zu lernen. Hier kommt das bereits in einem vergangenen Newsletter erläuterte Konzept der psychologischen Sicherheit zum Tragen. (à https://www.linkedin.com/pulse/psychologische-sicherheit-mut-zur-meinung-und-klmsf)

Dabei geht es weniger um große Umbrüche als um kontinuierliche Verbesserung. Kleine Erfolge, sogenannte »Small Wins«, stärken Zuversicht und Veränderungsbereitschaft. Fehler werden nicht sanktioniert, sondern als Lernquelle genutzt.


4. Andere befähigen zu handeln (Enable Others to Act)

Nachhaltige Spitzenleistung ist immer das Ergebnis kollektiver Anstrengung. Führungskräfte schaffen dafür die Rahmenbedingungen, indem sie Vertrauen aufbauen, Zusammenarbeit fördern und Verantwortung teilen.

Empowerment bedeutet in diesem Kontext mehr als Delegation. Es geht um den systematischen Aufbau von Kompetenzen, den Abbau von Silos und die Schaffung psychologischer Sicherheit.

Auf Top-Management-Ebene entscheidet sich hier, ob Organisationen skalieren können oder an internen Macht- und Abgrenzungslogiken scheitern.

 

5. Erfolge würdigen und Herz zeigen (Encourage the Heart)

Leistung entsteht dort, wo Menschen gesehen und wertgeschätzt werden. Anerkennung ist kein weicher Faktor, sondern ein zentraler Hebel für Motivation, Bindung und Engagement.

Kouzes und Posner zeigen, dass Führungskräfte, die Erfolge sichtbar machen und individuelle wie kollektive Leistungen würdigen, eine starke emotionale Bindung zur Organisation aufbauen.

Gerade in Phasen hoher Belastung wird diese Praxis häufig vernachlässigt – und ist genau deshalb besonders wirksam.

   

Warum The Leadership Challenge heute relevanter ist, denn je

Was dieses Werk von vielen modernen Leadership-Büchern unterscheidet, ist seine wissenschaftliche Tiefe und zeitlose Gültigkeit. Die fünf Praktiken wurden über Jahrzehnte hinweg empirisch validiert und kontinuierlich weiterentwickelt. Für Führungskräfte bedeutet das: kein kurzfristiger Trend, sondern ein belastbarer, evidenzbasierter Orientierungsrahmen für Führung in komplexen Systemen.

Bei Upper Echelon Advisory arbeiten wir täglich an den Schnittstellen von Strategie, Kultur und Führung. Die fünf Praktiken von Kouzes und Posner bilden dabei einen hochwirksamen Diagnose- und Entwicklungsrahmen für Executive Coaching, Top-Team-Alignment oder Transformation auf C-Level. Wir nutzen die gesamte Palette der „The Leadership Challenge“-Produkte, welche nicht nur das Buch, sondern auch Erhebungs- und Diagnose-Tools umfasst. Wir nutzen es für Mitarbeiter, Führungskräfte und sogar Studenten!

 

2 Wermutstropfen: Leider hat man die beiden Autoren/Wissenschaftler dazu gebracht, recht häufig neue Auflagen mit teils nur sehr geringem Mehrwert zu publizieren. Das finden wir zweifelhaft. Zudem ist die deutsche Übersetzung an einigen Stellen – inkl. des Titels selbst – nicht wirklich gelungen. Wir empfehlen unseren Kunden daher regelmäßig das englische Original.

 

👉 Welche dieser fünf Führungspraktiken leben Sie heute konsequent – und welche vielleicht noch nicht?

👉 Wie verankern Sie wirksames Führungsverhalten in Ihrem Führungsteam – jenseits von Persönlichkeit und Position?

 

In den nächsten Ausgaben unseres Newsletters beleuchten wir weitere Leadership-Klassiker. In regelmäßigen Abständen dürfen Sie – unter anderem - auf Simon Sinek und eines seiner Werke, den Klassiker „Good to Great“ oder auch Extreme Ownership gespannt sein!